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Ihre Geschichte

Mittwoch, 27.01.2021

Ein Gespräch mit unserem Absolventen Andreas Kumin (Kammerpräsident beim EuGH und REWI-Honorarprofessor)

REWI: Was fällt Ihnen spontan ein, wenn Sie nach Ihrer Studienzeit an der REWI Graz gefragt werden?

Andreas Kumin: Die ersten Eindrücke von ziemlich vollen Hörsälen bei den Einführungslehrveranstaltungen von Jus im ersten Semester und die Gruppe von treuen Studienkolleg_innen, die sich dabei gebildet hat; mein fast tägliches, mehrfaches Pendeln – zumeist mit dem Fahrrad – von daheim zur Universität und den umliegenden Gebäuden in Geidorf und wieder zurück sowie in die Mariengasse zum Dolmetschinstitut; die besonders vertiefenden Lehrveranstaltungen im kleineren Format an den damaligen Instituten für Öffentliches Recht in der Elisabethstraße und für Völkerrecht in der Hans-Sachs-Gasse; der vor allem praxisbezogene und mit lebendigen Beispielen angereicherte Unterricht, den ich von meinen akademischen Lehrmeister_innen sowohl in den Rechtswissenschaften als auch im Übersetzerstudium genossen habe.

 

REWI: Sie haben nach dem Studium im Außenministerium Fuß gefasst, leiteten dort dann auch die Abteilung Europarecht im Völkerrechtsbüro und waren zuvor Botschaftsrat an der österreichischen Vertretung bei den Vereinten Nationen in Genf. Hatten Sie in diese Richtung schon während des Studiums gedacht? Wie hat Sie das Studium dafür vorbereitet?

Andreas Kumin: Die Entscheidung, neben meinem Jus-Studium auch in Englisch und Französisch die Ausbildung als Übersetzer zu machen, habe ich getroffen, weil ich immer schon besonders an Sprachen interessiert war und die im Gymnasium erworbenen guten Kenntnisse weiter pflegen wollte. Vor allem aber entschied ich mich auch deshalb dafür, weil ich mir später einen Beruf mit Bezug zum Ausland gut vorstellen konnte. Im Jus-Studium selbst war ich von Anfang an eher speziell an den öffentlich-rechtlichen Fächern interessiert. Neben Völkerrecht habe ich auch, Mitte der Achtzigerjahre noch als einer der Wenigen, Europarecht als Wahlpflichtfach absolviert. Ich hatte das Glück, gerade in diesen meinen Lieblingsfächern von außerordentlich engagierten und prägenden Lehrerinnen und Lehrern betreut zu werden, die mich sehr gefördert und mir diese Themen mit internationalem Bezug entsprechend schmackhaft gemacht haben. Mit diesem hervorragenden Rüstzeug aus dem Studium ausgestattet war mein späterer Weg in die Rechtsberatung des Außenministeriums sowie in die Welt der multilateralen Diplomatie der Vereinten Nationen und der Europäischen Union schon so gut wie vorgezeichnet.

 

REWI: 2014 sind Sie als Praxisprofessor an die REWI zurückgekehrt und wurden im vorigen Jahr REWI-Honorarprofessor. Wie sehen Sie Ihre Alma Mater heute?

Andreas Kumin: Ich habe mit viel persönlicher Freude und Genugtuung feststellen können, wie sehr sich die Universität und vor allem die juridische Fakultät weiterentwickelt und modernisiert haben. Dies gilt einerseits für die Infrastruktur. Es wird andererseits auch mit dem Finger am Puls der Zeit und den aktuellen Problemen geforscht und unterrichtet. Dass dabei weiterhin die spätere praktische Anwendbarkeit des Wissens sowie der enge Kontakt mit den Vertreter_innen der Praxis in vielen Bereichen der juristischen Tätigkeit im Vordergrund stehen, stimmt mich hoffnungsvoll für die auch in Zukunft gesicherte Attraktivität der Ausbildung an unserer Universität und ihre Nützlichkeit für die Absolvent_innen in ihrem späteren Berufsleben.

 

REWI: Seit März 2019 sind Sie Richter am Gerichtshof der Europäischen Union. Wie geht es Ihnen in Luxemburg?

Andreas Kumin: Danke, ausgezeichnet. Die Arbeit birgt viele spannende Herausforderungen in sich und macht mir große Freude. Ich komme in den Genuss eines wirklich hoch professionellen und mit großem persönlichen Einsatz und Sachverstand agierenden Umfelds, sowohl was die Kolleg_innenschaft unter den Richterinnen und Richtern als auch die Kanzlei und gesamte Verwaltung des Gerichtshofs betrifft. Vor allem aber ist der von Kollegialität und Wertschätzung geprägte Teamgeist hervorzuheben, im Wissen um die große Verantwortung, die der Gerichtshof mitträgt an einer im Interesse der Menschen gelingenden europäischen Integration. Außerdem macht die unkomplizierte, pragmatische und hilfsbereite hiesige Wesensart einem das alltägliche Leben besonders angenehm und einfach. Land und Leute sind sehr einladend, die Luxemburger_innen sind herzlich, freundlich und kontaktfreudig. Ich fühle mich von allem Anfang an sehr willkommen und wohl hier.

 

REWI: Mit welchen Fragen beschäftigen Sie sich am Gerichtshof gerade?

Andreas Kumin: Meine aktuellen eigenen Themenschwerpunkte als für die Rechtssachen federführend zuständiger, berichterstattender Richter betreffen das Luftreinhalterecht, das Arbeitsrecht (befristete Arbeitsverhältnisse, Leiharbeiter_innen, Massenentlassungen), das Steuer- und Zollrecht, aber auch den öffentlichen Dienst der EU und Verwaltungsrechtsgebiete wie das Telekommunikationsrecht oder das Energierecht. Als beisitzender Richter haben eine Reihe von Verfahren zu Problemen der Rechtsstaatlichkeit und der Unabhängigkeit der Justiz in den Mitgliedstaaten besondere Bedeutung. Darüber hinaus befasse ich mich aber auch regelmäßig mit dem Beihilferecht und mit Fragen der Grundfreiheiten der Unionsbürger_innen und des Binnenmarktes.

 

REWI: Welche Einblicke, die Ihnen so vielleicht vorher noch nicht bekannt waren, haben Sie bei Ihrer Arbeit am Gerichtshof in die EU erhalten?

Andreas Kumin: Ich bin einerseits noch viel stärker als in meiner früheren beruflichen Tätigkeit mit der gesamten Breite des Spektrums des Unionsrechts quer über sämtliche Politik- und Lebensbereiche befasst. Neue Gebiete, die sich mir auf diese Weise erschlossen haben, sind u.a. das Arbeits-, das Steuer-, das Beihilfen- und das Konsumentenschutzrecht. Andererseits ist es selbst für jemanden, der als Außenstehender immer schon die Rechtsprechung des Gerichtshofs mit großem Interesse und Eifer im Detail verfolgt hat, beeindruckend zu sehen, wie seine zumeist in alle Amtssprachen der EU übersetzten Entscheidungen zustande kommen, nämlich durch das praktisch fehlerfreie und zeitlich eng aufeinander abgestimmte Zusammenspiel vieler einzelner Personen und Stellen, die wie die Zahnrädchen in einem Uhrwerk ineinandergreifen. Die Entscheidungsfindung als solche ist natürlich alles andere als ein Automatismus, in der Beratung wägen wir alle Argumente sehr sorgfältig ab, und das Beste gewinnt.

 

REWI: Wie geht es Ihnen mit der aktuellen Covid-Situation? Sehen Sie Unterschiede, wie in Österreich bzw. in Luxemburg damit umgegangen wird?

Andreas Kumin: Wir durchleben derzeit natürlich eine für alle in unterschiedlicher Weise besonders herausfordernde Zeit. Auch wir am Gerichtshof mussten innerhalb kürzester Zeit unsere interne Arbeitsweise an die völlig geänderten Gegebenheiten anpassen und vor allem bei der Festlegung der Termine für mündliche Verhandlungen auf allfällige Verhinderungen von Parteien durch Reiseverbote oder Quarantänebestimmungen in ihren Herkunftsmitgliedstaaten Rücksicht nehmen. Grundsätzlich habe ich den Eindruck, dass Österreich und Luxemburg eine ähnliche, von Beginn an recht strenge und auf Verhinderung der Überforderung der Spitäler und Intensivstationen bedachte Strategie verfolgen, wenn auch die Maßnahmen im Einzelnen natürlich nie ganz deckungsgleich sein können. Luxemburgs Lage inmitten von Deutschland, Frankreich und Belgien sowie mit mehr als hunderttausend Werktätigen, die aus diesen Ländern normalerweise täglich einpendeln, ist zum Beispiel eine ganz besondere.

 

REWI: Was würden Sie gerne machen, wofür Sie noch keine Gelegenheit hatten?

Andreas Kumin: Ich würde gerne weitere von den vielen schönen Gegenden und Sehenswürdigkeiten meines Gastlandes Luxemburg sowie die umliegenden Regionen der Nachbarstaaten unbeschwert besuchen und entdecken können. Nach meinem ersten Jahr, in dem ich mich vor allem auf meine neue Tätigkeit als Richter umstellen und in diese einarbeiten musste, und der danach über uns hereingebrochenen Pandemie war dies leider bisher nicht möglich.

 

REWI: Welchen Ratschlag würden Sie frischgebackenen Jurist_innen mit auf den Weg geben?

Andreas Kumin: Seid Euch Eurer Stärken und besonderen Vorlieben bewusst, aber auch offen für neue Anstöße und Eindrücke! Verfolgt die neuen Entwicklungen in Gesetzgebung, Rechtsprechung und Wissenschaft mit kritischem Geist weiter, denn Ihr wisst nie, welche unbekannten Herausforderungen auf Euch noch zukommen werden. Ich selbst bin nun seit vielen Jahren in meinem absoluten Wunschgebiet tätig, habe mich aber schon mehrmals während meiner Ausbildung und meiner beruflichen Praxis mit unerwarteten, absolut spannenden Problemen auseinandergesetzt und an diesen dann auch persönlich Interesse und Gefallen gefunden.

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